Kolumne: Zeit für einen Kompromiss

Von Thomas Cueni.

Man kann über den Inhalt der Rentenreform unterschiedlicher Meinung sein, aber so einfach wie “Junge verraten – Rentner bestrafen” kann man es sich nicht machen. Weder das eine noch das andere hält einer kritischen Prüfung stand.

«Junge verraten – Rentner bestrafen, ungerecht für jung und alt». Als ich den Spot der Gegner der Rentenreform im Postauto in den Wanderferien im Val Müstair sah, war meine Reaktion ähnlich wie jene von zahlreichen anderen Bürgern, wenn ich die Ergebnisse der am Freitag publizierten SRG-Umfrage zur Abstimmung vom 24. September analysiere. Gewiss, man kann über den Inhalt der Rentenreform von Bundesrat Alain Berset unterschiedlicher Meinung sein, aber so einfach wie “Junge verraten – Rentner bestrafen” kann man es sich nicht machen. Weder das eine noch das andere hält einer kritischen Prüfung stand, Fake News gewissermassen.

Natürlich bringt die Reformvorlage von Alain Berset keine langfristige Lösung der demographischen Herausforderung und es ist unbestritten, dass es spätestens 2030 weitere Reformschritte braucht. Man kann die Fakten nicht ignorieren: Wir werden immer älter (erfreulich) und die Verzinsung der Kapitalanlagen ist gesunken (weniger erfreulich). Entsprechend müssen wir uns damit auseinandersetzen, dass wir für die Sicherung unseres Lebensstandes länger arbeiten und mehr einzahlen müssen. Für viele ist das schon heute Realität – statt Leistungsprimat eben Beitragsprimat, niedrigere Umwandlungssätze oder gar Zwang zum Bezug des Kapitals statt einer festgeschriebenen Rente.

Nicht nach dem Hauruckprinzip

Grosszügige Übergangsregelung in Pensionskassen zeugen vom Bewusstsein vieler Firmen, dass Wechsel im Rentensystem nicht nach dem Hauruckprinzip durchzusetzen sind. Dafür gibt es gute Gründe – wie für den Kompromiss, über den wir am 24. September abstimmen. Die Umstellung auf ein neues System braucht Zeit, die man in der Lebensaltersplanung nach 55 weniger hat als mit 30 oder 40 Jahren. Gerade deshalb haben mich die Schlagworte “Junge verraten – Rentner bestrafen” geärgert. Denn dass ausgerechnet diejenigen, die in der Rentenreform eine viel härtere Gangart postulieren, den heutigen Rentnern suggerieren, ihnen werde etwas vorenthalten, weil die AHV-Erhöhung von 70 Franken nur für Neurentner gilt, ist ziemlich unglaubwürdig. Das an sich problematische “Zückerchen” ist eine Kompensation für die Erhöhung des AHV-Alters der Frauen auf 65 Jahre, die Senkung des Umwandlungssatzes im obligatorischen Teil der zweiten Säule und die ab 2021 leicht höheren Lohnbeiträge. Und diese treffen bekanntlich nur Neurentner.

Schritte in die richtige Richtung

Genauso polemisch ist der Spruch, dass mit der Reform “Junge verraten” werden und es erstaunt nicht, dass gemäss der SRG-Befragung gerade dieses Argument nicht überzeugt. Zwar braucht es spätestens im Jahre 2030 weitere strukturelle Reformen unseres an sich gut austarierten Vorsorgesystems, doch der vorliegende Kompromiss enthält Schritte in die richtige Richtung wie die Angleichung des AHV-Alters von Frau und Mann, die angestrebte Flexibilisierung des Pensionsalters, die Senkung des Umwandlungssatzes in der beruflichen Vorsorge und die zusätzlichen Mittel, die in die AHV fliessen.

Wer sieht, wie seit 20 Jahren alle Reformvorhaben gescheitert sind, darf sich und den Bürgerinnen und Bürgern eigentlich keine Hoffnungen auf eine nächste, „bessere“ Vorlage machen, sollte am 24. September ein Nein resultieren. Namentlich weil die Erhöhung des Rentenalters für die Frauen einer der umstrittensten Teile der Vorlage bleibt. So kann man nur hoffen, dass diejenigen, die in der aktuellen SRG-Umfrage in der Mehrheit sind, nüchtern zum Schluss kommen, dass es Zeit für einen Kompromiss ist.

Erschienen am 21.08.2017 auf Interpharma. Thomas Cueni ist Generaldirektor bei der International Federation of Pharmaceutical Manufacturers and Associations (IFPMA).